Heimstättervereinigung Steenkamp e.V. gegr. 1920

0

Spielen in der Siedlung

aus dem Steenkamper 2/2017

„Kibbel Kabbel? Kibbel Kabbel!“

„Ach, hier scheint die Zeit ja stehengeblieben zu sein, herrlich: wo sonst können Kinder heutzutage noch so spielen?“ – Solche oder ähnliche Äußerungen hören wir oft von „auswärtigen“ Besuchern unserer Siedlung. Und wirklich, gerade in den Sommermonaten scheinen die kleinen Straßen hier von Bobby-Car-Rädern, Rollern, Inlinern und ähnlichem nur so zu brummen, aus vielen Gärten hört man Kinderlachen und –rufen  –  also tatsächlich alles wie „in der guten alten Zeit“? Wir haben bei „alten“ Steenkampern nachgefragt, was, wie und wo in der Nachkriegszeit in punkto Spielen hier so los war:
Die Straßen, Gärten, Plätze und Dungwege waren ein Spieleparadies  –  und da (Nachkriegs-)Not zum einen erfinderisch machte, zum anderen die Automobilindustrie noch in den Vorschulschuhen steckte und die digitale Revolution noch Jahrzehnte entfernt war, erfuhren wir eine Menge Neues über alte Spiele.
In den Gärten war ein Spiel namens „Länderklau“ der Hit. Ein Kreis wurde in den Boden gemalt und in so viele Felder wie es Spieler gab, aufgeteilt. Die Felder bekamen Ländernamen und im Verlauf des Spiels konnte Australien sehr klein und Dänemark riesengroß werden.
An den Straßenrändern der Siedlung klickerten permanent Murmeln. Hierfür wurden kleine Kuhlen im Sand ausgehoben, in welche dann die Murmeln geschubst werden mussten. Die Straßen der Siedlung waren aber auch ein Eldorado für diverse „Hüpfekästchen“-Varianten.
Ebenfalls auf den Straßen war eine Sportart namens „Treppenfußball“ enorm populär. Die jeweils gegenüberliegenden Treppen stellten die Tore dar  –  leicht vorstellbar, dass ein Glaser dieses Spiel besonders liebte… Fußball im größeren Stil spielte man aber auch auf dem Quickborn  –  vorausgesetzt, die Schlagballer trainierten nicht gerade dort. 
Auf diesem Platz, damals noch von zahlreichen Rotdornbäumen gesäumt, war nämlich ein inoffizielles Schlagballfeld beheimatet. Dieses Spiel, das als ein Vorläufer des Baseball gilt, wurde hier von etlichen Mädchen und Jungs begeistert gespielt. 
Aber auch die Dungwege waren ein Wunderland für die Kinder. Hier wurden nicht nur Zigarettenbildchen getauscht, hier fand auch manche Straßenbande ihre Räuberhöhle. Da fast jeder Garten in den 50er Jahren noch einen Hühnerstall am Ende des Grundstücks hatte, der mit einem kleinen Dach den Dungweg überragte und an den gegenüberliegenden Stall anschloss, stellten diese winzigen Räumlichkeiten den perfekten Unterschlupf für die Bökenkamp-Gang oder die Stutsmoor-Truppe dar. In diesen Höhlen wurde sich verschnauft, wurden Wunden versorgt, Schätze gebunkert und Pläne für den nächsten Straßenkampf geschmiedet.
Der unangefochtene Dauerbrenner bei den Steenkamp-Kindern aber war ein heute in Vergessenheit geratenes  norddeutsches Spiel mit dem Namen Kibbel-Kabbel.

Für Kibbel-Kabbel braucht man unbefestigte Straßen, zwei Manschaften mit mindestens vier Spielern, sowie einen Kibbel und einen Kabbel. Der Kibbel ist ein an beiden Enden angespitztes, etwa daumendickes Rundholz und einer Länge von ca. 20 cm. Der Kabbel besteht aus einem am Ende abgeflachten Rundholz (optimal: leicht gebogen) und hat eine Länge von  ca. 50 cm. Hier nun die etwas komplizierten Spielregeln:
Zuerst wird ausgelost, welche Mannschaft zuerst wirft und welche ins “Feld” geht. Das Spielfeld ist nur zur Seite der Werfer durch eine Linie begrenzt, nach hinten und zu den Seiten ist es offen. In die Mitte der Grenzlinie wird eine kleine, längliche Kuhle gescharrt, in die der Kibbel komplett hinein passen muss. 
Der erste Spieler der Werfermannschaft legt den Kibbel quer über die Kuhle. Er schiebt den Kabbel unter den Kibbel und hebelt diesen möglichst weit ins Feld hinein. Anschließend legt er den Kabbel quer über die Kuhle. Die Mannschaft im Feld versucht, den Kibbel zu fangen. Für jeden gefangenen Kibbel gibt es Punkte: 5, wenn mit beiden Händen, 10, wenn mit der rechten Hand, 20, wenn mit der linken Hand und 100, wenn mit dem Mund (!) gefangen wurde. Wird der Kibbel von einem Linkshänder gefangen, sind die Punkte für rechte und linke Hand natürlich vertauscht. Der Kibbel wird nun von der Fangstelle oder von dort, wo er aufgesammelt wurde, zurückgeworfen. Falls der Kabbel vom Kibbel getroffen oder berührt wird, kommt es zu einem Seitenwechsel der Mannschaften. Zusätzlich gibt es für die Mannschaft aus dem Feld 50 Punkte, wenn der Kibbel so auf dem Kabbel zu liegen kommt, dass eine Spitze über den Kabbel hinausragt. 100 Punkte gibt es, wenn der Kibbel in der Kuhle unter dem Kabbel liegt und ebenfalls unter dem Kabbel “durchguckt”. Trifft die Feldmannschaft den Kabbel nicht, kann der Werfer für seine Mannschaft punkten: Er nimmt den Kabbel wieder auf, geht zum Kibbel und schlägt mit ihm auf ein Ende des Kibbels, so dass dieser in die Luft fliegt. Es sollte möglichst keiner im näheren Umkreis stehen, denn wenn der Kibbel fliegt, dann unberechenbar! Nun muss der Werfer den Kibbel in der Luft treffen und ihn mit dem Kabbel in irgendeine Richtung schlagen. Dafür hat er drei Versuche. Wenn er nicht in der Luft trifft, gibt es keine Punkte, schafft er es bereits beim ersten oder zweiten Mal, darf er den zweiten und/oder dritten Versuch dort weiterschlagen, wo der Kibbel liegenblieb. Es wird gemessen, wie viel Fuß der Kibbel von der Kuhle entfernt liegt. Diese Anzahl erhalten die Werfer als Punkte. Danach ist der nächste Werfer aus der Mannschaft an der Reihe und hebelt den Kibbel ins Feld. Das Spiel ist zu Ende, wenn eine zuvor festgelegte Punktzahl erreicht wurde, es Abendbrot gibt, fünf Stunden vorbei sind oder…

Jule Lübcke
Mit herzlichem Dank an die Erinnerungen von Karin Bensemann-Gurlitt und Hans-Juergen Benedict