Heimstättervereinigung Steenkamp e.V. gegr. 1920

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Georg Hempel

(geb. am 28.09.1894 in Altona, gestorben am 30.12.1969 in Hamburg) war ein Steenkamper Künstler, der seit 1923 bis zu seinem Tod Im Winkel 27 (heute Rosenwinkel) lebte. Georg Hempel fertigte hauptsächlich Scherenschnitte, gestaltete aber auch Bücher und stellte kunstgewerbliche Arbeiten und Schmuck her.

Georg Hempel
Georg Hempel
Foto: Ulrich Blievernicht
 

Georg Hempel stammte aus ärmlichsten Verhältnissen und hatte nie eine künstlerische Ausbildung erhalten, sondern sich als Autodidakt künstlerisch entwickelt. Zum Scherenschnitt soll er als Soldat im ersten Weltkrieg gefunden haben. 1921 erschien in den Westermanns Monatsheften, eine Kulturzeitschrift, ein Beitrag über ihn:

Hempel (geb. 1894 in Altona) […] darf stolz darauf sein, dass er sich aus ärmlichen Verhältnissen durch eigene Kraft nach mancherlei mechanischen Brotarbeiten zur freien Künstlerschaft emporgearbeitet hat. Zum Scherenschnitt hat ihn der Krieg gewiesen, den er von Anfang bis zum Ende im Feldheer mitgemacht hat – wir wissen ja, wie viele kunstfrohe und kunstfertige Hände in den Schützengräben und Unterständen auf den Scherenschnitt gelenkt worden sind. Hempel fing da an wo auch der Scherenschnitt angefangen hat, bei der Profillinie des Kopfes. Kameraden lieferten die nicht immer willigen, aber schließlich immer dankbaren Modelle. Erst als er es in dieser Porträtkunst zu einer ihn selbst befriedigenden Fertigkeit gebracht hatte, ging er zu Pflanzen, Tieren und der weiteren Umwelt über, um sich so allmählich zu „Bildern“ durchzutasten. Er war voll und ganz auf sich selbst angewiesen ohne Lehrmeister und Berater, ohne die Grundlage einer rechten zeichnerischen Vorbildung.“

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Scherenschnitte, Selbstportraits (Ulrich Blievernicht)

In den 20er-Jahren war Georg Hempel mit seinen Scherenschnitten erfolgreich als Illustrator zahlreicher Publikationen, von Liederheften für die Arbeiter- und Wandervogelbewegung, von Büchern für die Büchergilde Gutenberg und für einen plattdeutschen Verlag. Für den Broterwerb reichte das Einkommen nicht. Zeit seines Lebens war Georg Hempel neben seinem künstlerischen Schaffen in verschiedene Berufen tätig.

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Scherenschnitte von Georg Hempel im Jugendliederbuch, Arbeiterjugend-Verlag 1931

Am 26.03.1921 heirateten Georg Otto Hempel und Emmi Alwine Marie Möller (geb. am 30.06.1895 in Hamburg, gestorben am 15.03.1959 in Hamburg). Die Ehe blieb kinderlos. 1923 zog das junge Ehepaar in die Steenkampsiedlung. Übereinstimmend wird berichtet, dass Emmi und Georg sich sehr liebten und eine innige Beziehung führten. Emmi soll psychisch krank geworden sein und war „in ihrer durch ihre Krankheit verursachten Erregbarkeit und Empfindlichkeit“ durchaus in Gefahr, während des 3. Reiches ins Visier der Nazis zu geraten. Georgs politische Gesinnung war bekanntermaßen nicht konform zum NS. Wie die beiden diese dunklen Jahre wohl überstanden haben?

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Scherenschnitte von Hempel in Hermann Claudius: Speeldeels för Jungs un Deerns. 1931.

Georg Hempel ist auch in den Publikationen der Heimstättervereinigung Steenkamp präsent. Die Jubiläumsfestschrift zum 10jährigen Bestehen der Steenkampsiedlung 1930 ist durchgehend mit seinen Scherenschnitten illustriert. Ab 1931 erscheintauch der „Steenkamper“ mit von ihm gestalteten Logo und neuer Schriftart, die Karten zum Kinderfest in den 50er-Jahren stammen aus seiner Hand. Hempel fertigt auch Schmuck und Metallarbeiten und inserierte für solche Auftragsarbeiten im Steenkamper.

Die drei Brüder Georgs, Ferdinand (1876-1934), Hugo (1891- 1980) und Rudolf Hempel, sollen alle in der Nähe gelebt haben. Hugo war Briefträger und wohnte mit seiner Familie in der Ebertallee 123. Sein Sohn Rolf (1936-2005), der Neffe Georgs, war ebenfalls künstlerisch begabt, von ihm stammt das Wandbild im Steenkampsaal und viele Zeichnungen der Steenkampsiedlung. Die Nichte Georgs, Erika Hempel (1926-2016) war als Grafikerin und Illustratorin unter dem Namen Erica (Strauhal-)Hempel erfolgreich. Sie illustrierte in den 1960er- und 70er-Jahren u.a. viele Kinderbücher und entwarf das bekannte Eisbären-Logo eines ursprünglich aus Bahrenfeld stammenden Eiskonfekt-Herstellers. Sie nutze lange ein Arbeitszimmer im Haus ihrer Eltern und kümmerte sich bis zu seinem Tod um ihren Onkel Georg.

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Anzeige aus dem „Steenkamper“

Leider ist über Georg Hempel ansonsten wenig bekannt. Kirsten Eta, geborene Brennecke, die im Bökenkamp aufgewachsen ist, beschreibt Georg Hempel als sehr ernsten Mann. Sie brachte als Kind, vermutlich nach dem Tod Emmis 1959, im Auftrag ihrer Oma mit ihrer Schwester regelmäßig Essen bei Georg Hempel vorbei, dem „armen Künstler“. Hempel schnitt den beiden Mädchen dann als Dankeschön einfach so vom Blatt weg das gewünschte Motiv.

„Na, setzt Euch doch. Soll ich Euch was schneiden?“, fragte erdie Mädchen.
„Können Sie auch Schneewittchen?“ –
„Hmmm, Schneewittchen…, Moment Mal… das kenn ich doch …“ – und flugs war der Schnitt fertig.

Die Kinder hatten ein ganzes Buch voll mit Scherenschnitten, das leider nicht mehr erhalten ist. Frau Eta erinnert sich auch daran, dass das Zimmer im Obergeschoss sehr vollgestellt war, an allen Wänden hingen Regale voll mit Büchern und Material. Georg Hempel scheint ein interessierter, wissbegieriger Mann gewesen zu sein. Ihn umgab aber offensichtlich eine gewisse Schwere und ein großer Ernst.

Von seinem Freund Heinz Blievernicht stammt folgende Überlieferung: „Einmal habe ich Tränen in den Augen Georg Hempels gesehen. Nach einem Besuch im vorigen Jahr [1969] bei uns in Bergstedt, brachte ich ihn zum Poppenbüttler Bahnhof. Unterwegs sagte er mir immer wieder, daß er hier draußen so gerne wohnen möchte, in einem Gebiet, wo man sich nicht gegenseitig in die Fenster schaut, wo der Blick und die Gedanken weiterschauen als in engen Wohnsiedlungen… Er ging schwer fort und beim Abschied kamen ihm die Tränen. Er muß oft sehr einsamgewesen sein!…“

Aus Georg Hempels Kunst spricht deutlich ein weiter Blick und ein weites Denken. In den späteren Jahren konnte er offenbar nichts mehr veröffentlichen, aber er hat weiterhin Scherenschnitte produziert, die noch 50 Jahre nach seinem Tod zeitlos und sehr modern erscheinen. Aus der Trauerrede von Georg Hempels Freund Heinz Blievernicht wissen wir, dass Georg Hempel eine Ausstellung seines Werkes ablehnte: „Er wollte vom Lärm um sich und um seine Bilder verschont bleiben…“.

1976 gab es bereits eine Ausstellung in den Räumen der HASPA in Altona. Wir freuen uns, Euch Georg Hempel anlässlich des 100jährigen Jubiläums der Steenkampsiedlung vorstellen zu können. Wir sehen diese Ausstellung als Hommage an ihn – und an den Ort, an dem er lebte und arbeitete.


von Bettina Herrmann und Lydia Hartmann
Bilder: Ulrich Blievernicht

Quellen und weiterführende Informationen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Hempel_(Künstler)
https://schattenriss.jimdofree.com
– Der neue Rump: Lexikon der bildenden Künstler Hamburgs, Altonas und der näheren Umgebung. Wachholtz Verlag 2005, S. 183.
– Trauerrede auf Georg Hempel von Heinz Blievernicht (Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg)

Dank an:
Michael Rüdiger, Ulrich Blievernicht, Jenny van Neck, Krista Deppe, Kirsten Eta, Julia Kussius, der Geschichtswerkstatt Steenkamp, insbesondere Andreas Zühlke, Friedel Ziegler, Sebastian Buchholz, den Mieterinnen und Mietern im Steenkamp 29-31 und Annegret Lührs vom Café für die Nutzung ihrer Schaufenster, der SAGA für die Überlassung der Schaufenster in der Ebertallee 207.